Scouting im Jugendfußball: Wie viele Kinder wirklich Profi werden
Ich stehe seit Jahren an Spielfeldrändern und schaue mir Kinder an, die Fußball spielen. Als Trainer, als Scout, manchmal einfach als jemand, der gerne gutem Fußball zusieht. Und immer wieder höre ich denselben Satz von Eltern am Zaun. Der Kleine hat richtig was drauf, der wird bestimmt mal Profi.
Ich verstehe diesen Stolz. Ich mag ihn sogar. Aber ich glaube, wir tun den Kindern keinen Gefallen, wenn wir so tun, als wäre der Weg nach oben eine Frage von genug Talent und genug Ehrgeiz. Deshalb will ich hier einmal die echten Zahlen auf den Tisch legen. Nicht um jemandem den Traum zu nehmen, sondern damit alle mit offenen Augen entscheiden.
Was heißt hier überhaupt "es schaffen"
Bevor wir über Prozente reden, müssen wir uns einigen, worüber wir reden. Für die meisten Eltern heißt es schaffen, in der Bundesliga zu spielen. Für einen Scout heißt es schon etwas anderes, wenn ein Spieler einen Profivertrag bekommt, egal in welcher Liga.
Zwischen diesen beiden Vorstellungen liegen Welten. In der ersten und zweiten Bundesliga gibt es zusammen ungefähr 936 Kaderplätze. Diese Plätze teilen sich Spieler zwischen neunzehn und Mitte dreißig. Es werden also pro Jahr nur wenige Dutzend wirklich frei. Wenn man das mit den rund 2,5 Millionen Kindern vergleicht, die in Deutschland zwischen sieben und vierzehn im Verein Fußball spielen, versteht man das Nadelöhr schon rein rechnerisch.
Die Zahl, die mich am meisten beschäftigt
Der Sportwissenschaftler Arne Güllich von der Universität in Kaiserslautern hat über etwa ein Jahrzehnt rund fünfzig deutsche Nachwuchsleistungszentren untersucht. Sein Ergebnis ist so nüchtern wie deutlich. Von tausend jungen Spielern, die es in ein NLZ schaffen, wird am Ende ein einziger ein erfolgreicher Profi.
Das muss man sacken lassen. Wir reden hier nicht von tausend beliebigen Kindern vom Bolzplatz. Wir reden von tausend Jungen, die bereits gesichtet wurden, die bereits als die Besten ihres Jahrgangs galten, die bereits im besten System spielen, das der deutsche Fußball zu bieten hat. Und selbst von denen kommt statistisch einer an.
Eine zweite Studie stützt das aus einer anderen Richtung. Das Internationale Fußball Institut hat gemeinsam mit einer ARD-Recherche die U19-Jahrgänge von 56 Profiklubs aus der ersten bis dritten Liga ausgewertet. Von 5.738 Nachwuchsspielern standen später 198 im Kader eines Vereins aus den fünf großen europäischen Ligen. Das sind 3,5 Prozent. Und dabei zählt schon der Kaderplatz, nicht die Stammelf.
Warum die Sichtung so oft danebenliegt
Was mich als Scout ehrlich hält, ist ein weiterer Teil von Güllichs Arbeit. Die Vorhersagekraft einer einzelnen Talentbeurteilung liegt kaum über dem Zufall. Wer ein Kind mit vierzehn beurteilt, sagt damit erstaunlich wenig darüber aus, wo dieses Kind mit einundzwanzig steht.
Das klingt frustrierend, ist aber logisch, wenn man Kinder wirklich beim Wachsen zusieht. Der Körper entwickelt sich in Schüben. Der Junge, der mit dreizehn allen davonläuft, ist manchmal nur früher in die Pubertät gekommen als die anderen. Ein Jahr später haben die Spätentwickler aufgeschlossen, und plötzlich zählt Technik und Spielverständnis mehr als der reine Vorsprung an Kraft.
Genau deshalb tausche ich als Scout ungern ein ganzes Urteil gegen einen einzigen guten oder schlechten Tag. Ein Spieler ist kein Foto, er ist ein Film.
Der Preis, über den kaum jemand spricht
Ein NLZ tauscht im Schnitt fast jeden dritten Spieler pro Saison aus. Für ein Kind bedeutet das, dass es jedes Jahr aufs Neue um seinen Platz spielt, oft weit weg von zuhause, mit dem ständigen Wissen, ersetzbar zu sein.
Güllichs Zahlen zu den aussortierten Spielern sind unbequem. Ein erheblicher Teil derer, die den Sprung nicht schaffen, trägt messbare seelische Folgen davon. Das ist der Teil der Geschichte, der in keiner Hochglanzreportage über die nächste Akademie vorkommt. Ich finde, er gehört dazu, wenn wir ehrlich über Scouting reden wollen.
Die gute Nachricht steckt in denselben Studien
Jetzt kommt der Teil, den ich Eltern am Zaun am liebsten mitgebe. Dieselbe Forschung zeigt nämlich auch, dass die wirklich erfolgreichen Profis im Schnitt später in die Leistungszentren gekommen sind als die weniger erfolgreichen. Viele von ihnen haben als Kinder länger im Heimatverein gespielt, mit maßvollem Training, oft sogar noch andere Sportarten nebenbei.
Das heißt im Klartext, ein früher Platz im NLZ ist keine Garantie, und ein Kind, das mit zwölf noch im Dorfverein kickt, hat seine Chance nicht verspielt. Manchmal ist es sogar umgekehrt. Wer länger einfach aus Freude spielt und breiter ausgebildet wird, bringt später oft mehr mit als der, den man schon als Kind durch die Maschine gedreht hat.
Ich sehe diese späten Wege in meiner eigenen Arbeit ständig. Deshalb schaue ich bei der Talentsichtung nicht nur auf den, der heute schon fertig aussieht, sondern auf den, bei dem noch Luft nach oben ist. In den Camps von Valerosa geht es genau darum, Kindern lange Freude am Spiel zu erhalten, statt sie früh auf ein einziges Ziel zu verengen. Und bei der 1v1 League sehe ich im direkten Zweikampf oft mehr über einen Spieler als in neunzig Minuten Systemfußball.
Was ich Eltern und Trainern rate
Redet mit Kindern nicht über die Bundesliga, redet mit ihnen über das nächste Spiel. Ein Kind, das den Fußball liebt, bleibt dabei, und Dranbleiben schlägt fast jedes frühe Talent. Die allermeisten dieser Kinder werden keine Profis, das sagen die Zahlen unmissverständlich. Aber fast alle von ihnen können ein Leben lang Fußballer bleiben, in der Kreisliga, als Trainer, als der Vater, der später selbst am Zaun steht.
Und für die wenigen, bei denen wirklich alles zusammenkommt, gilt trotzdem, kein Scout und keine Statistik weiß mit Sicherheit, wer das ist. Deshalb lohnt es sich, jedes Kind ernst zu nehmen und keines zu früh abzuschreiben.
Fazit
Der Weg vom Jugendfußball in den bezahlten Profifußball ist enger, als die meisten glauben. Von tausend Talenten im besten Fördersystem des Landes kommt einer an, und selbst die weiter gefasste Quote liegt bei wenigen Prozent. Diese Zahlen sind kein Grund, den Traum zu begraben. Sie sind ein Grund, ehrlich zu sein und den Fokus dahin zu legen, wo er hingehört, auf die Entwicklung und die Freude am Spiel.
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